Der Standard TikTok, TikTok – Medien sind noch abwartend

TikTok – Medien sind noch abwartend

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Wenn „Tagesschau“-Urgestein Jan Hofer live on Air an ein paar Knöpfen drehte, um das Muster seiner Krawatte zu ändern, würde das bei eher älteren Zuschauern von Deutschlands wichtigster Nachrichtensendung wohl einen Schock auslösen. ARD und Social-Media-Experimente: Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Auf TikTok, wo ein solches Video publiziert wurde, ist es jedoch ein Hit. Rund 130.000 Personen spendeten ein Herzchen, die TikTok-Entsprechung zu einem Like.

Dass nun auch die „Tagesschau“ auf der Video-App präsent ist, hat nur zum Teil mit der hohen Nutzerzahl von mehr als 500 Millionen weltweit zu tun. Vielmehr ist das geringe Alter der TikTok-Nutzer der Grund, warum auch immer mehr Medien auf der Video-Plattform Präsenz zeigen.

Auftritte heimischer Medien sind jedoch rar, der Account von Kronehit bildet eine Ausnahme. Mehrere Medienportale haben sich zwar bereits Account-Namen auf TikTok gesichert, bespielen die Plattform aber nicht. Die App sei für klassische Nachrichtenmedien generell ­schwierig zu ­bespielen, sagt etwa Lisa Stadler, Social-Media-Verantwortliche beim Standard: „Weiter weg als von spielerischen, lustigen, kurzen Videos kann man als seriöse Tageszeitung kaum sein.”

“Oscar Bronner wäre auf TikTok höchstwahrscheinlich ein Erfolg”

Wenn man es wider Erwarten dennoch schafft, auf Social Media erfolgreich zu sein, habe man einerseits einen gewaltigen Gewinn davon: „Das war bei uns etwa bei WhatsApp der Fall. Viele 15-Jährige haben uns geschrieben, dass sie es toll finden, dass wir dort als ‚langweilige’ ­Tageszeitung aktiv sind.” Andererseits sei ein Anbiedern an die Zielgruppe gefährlich. Funktionieren könnte das Gegenteil, meint Stadler: „Oscar Bronner wäre auf TikTok höchstwahrscheinlich ein Erfolg, weil das diese Jugendlichkeit konterkarieren würde.“ Darüber hinaus profitiere man vom ­First-Mover-Faktor: „Das haben wir beim ­Standard schon oft herausgefunden, dass es wirklich etwas bringt, wenn man früh auf einer Plattform vertreten ist.”

Und einer dieser First Mover ist ­ausgerechnet die bereits 142 Jahre alte ­US-Tageszeitung Washington Post. Dave Jorgenson vom „Department of Satire“ hat dort mehr als 100 Videos für TikTok produziert und dadurch über 280.000 Follower und 13 Millionen Herzchen für die Zeitung gewonnen. Um eines der wenigen Sekunden dauernden Videos zu produzieren, brauche er ungefähr vier Stunden, einschließlich einer halben Stunde, die man nach Posten des Videos mit der Community verbringe, erklärte er in einem CNN-Interview. Ziel sei es, die Community mit der Arbeit der Zeitung vertraut zu machen.

Ressourcenfrage

Für den Standard stünden andere Überlegungen im Vordergrund, meint dagegen Stadler. Hauptziel sei es, Traffic für die eigenen Seiten zu generieren. Abgeschrieben sei TikTok noch nicht. Die Attraktivität bestünde darin, dass man eine jüngere Zielgruppe erreichen könne, die sonst wenig bis gar nicht mit der Tageszeitung in Kontakt komme. In Österreich sei das aber vor allem auch eine ­Ressourcenfrage, so Stadler: „Wir haben kein Startdatum, aber Überlegungen gibt es.”

Die Geschichte erschien auch in der Ausgabe 48/2019 des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken

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